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Vergrämen, Wildretter oder Wärmebilddrohne: Welche Methode die Kitze wirklich findet

Keine Methode findet jedes Kitz, aber die Unterschiede sind groß. Im Forschungsprojekt WiOPro der Fachhochschule Südwestfalen fand die Wärmebilddrohne im ersten Projektjahr 92 Prozent der Kitze, klassische Vergrämung je nach Verfahren zwischen 0 und höchstens 50 Prozent. Was hinter den Zahlen steckt, wo jede Methode ihren Platz hat, und warum die beste Antwort fast immer eine Kombination ist.

Wiese am Abend vor der Mahd mit Vergrämungspfählen aus Flatterband und Plastiktüten, darüber eine kleine Wärmebilddrohne im Tiefflug (KI-erzeugtes Symbolbild)

Technik und Wärmebild · · 4 Minuten Lesezeit · von

Warum ein Kitz nicht wegläuft

In den ersten Lebenswochen hat ein Rehkitz keinen Fluchtinstinkt. Es drückt sich reglos in den Bestand und ist dabei nahezu geruchlos, das ist sein Schutz vor Fuchs und Hund. Gegen ein Mähwerk ist genau dieses Verhalten tödlich. Die Ricke liegt nicht beim Kitz, sie kommt nur zum Säugen und legt es danach wieder ab.

Daraus folgt, worauf jede Methode zielt. Vergrämung wirkt auf die Ricke: Sie soll die Fläche als unsicher empfinden und ihr Kitz in der Nacht umsetzen. Suchen, ob mit Hund, zu Fuß, mit dem Wildretter oder mit der Drohne, wirkt auf das Kitz: Es wird gefunden und vor der Mahd aus der Fläche getragen.

Vergrämen: was funktioniert, und woran es scheitert

Die Deutsche Wildtier Stiftung nennt als Mittel Plastiktüten, Luftballons, kleine Windräder, Blinklichter und Flatterband, gern kombiniert mit akustischen Signalen, dazu menschlichen Geruch. Der Abstand zwischen den Scheuchen sollte etwa 25 Meter betragen. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft ergänzt im Mäh-Knigge das Anmähen der Ränder am Vortag und Behälter mit Buttersäure.

Der Zeitpunkt entscheidet: Vergrämung gehört auf den Abend vor der Mahd, höchstens ein bis zwei Tage davor. Steht die Scheuche länger, gewöhnt sich die Ricke daran, und die Wirkung ist weg. Eine schwedische Untersuchung, auf die die Stiftung verweist, fand mit optischen Scheuchen deutlich geringere Verluste.

Wie viel genau, ist offen. Die Landesanstalt schreibt selbst, dass für die meisten Methoden keine validierten Erfolgszahlen vorliegen. Das Forschungsprojekt WiOPro der Fachhochschule Südwestfalen, gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und angelegt von März 2024 bis März 2027, liefert erste Werte: Je nach Vergrämungsmethode lag der Erfolg im ersten Projektjahr zwischen 0 und höchstens 50 Prozent. Das Projektteam weist darauf hin, dass endgültige Schlüsse weitere Versuchsjahre brauchen.

Wildretter: zwei Geräte mit demselben Namen

Wer nach „Wildretter“ sucht, findet zwei verschiedene Dinge. Das eine ist ein akustisches Gerät am Mähwerk, das Tiere während der Mahd aufschrecken soll. Es ist eine Vergrämung in letzter Sekunde, und für ein Kitz, das sich drückt statt zu fliehen, ist das zu spät. Belastbare Erfolgszahlen fehlen auch hier.

Das andere ist der tragbare Infrarot-Wildretter: ein Teleskopstab von rund sechs Metern mit Infrarotsensoren, etwa fünf Kilogramm schwer, mit dem ein Helfer die Fläche abschreitet. In Österreich wurde er laut der Deutschen Wildtier Stiftung mit Fundquoten von über 90 Prozent eingesetzt. Er funktioniert am besten vor Sonnenaufgang und auf kleinen Flächen am Waldrand. Auf einem Schlag von 15 Hektar ist er schlicht zu langsam.

Hund und Begehung

Ein erfahrener, gut geführter Vorstehhund an der langen Leine findet Kitze, Junghasen und Gelege, und er tut das ohne Akku. Die Grenze ist die Fläche: Eine Begehung zu Fuß im Zwei-Meter-Raster schafft nach einer Beispielrechnung des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen 0,7 Hektar je Stunde. Für einen Hektar braucht eine Person demnach 12,24-mal so lange wie eine Drohne.

Dazu kommt die Zeit: Das Fenster mit gutem Wärmekontrast liegt zwischen Sonnenaufgang und etwa 8 Uhr. Wer in dieser Zeit zu Fuß sucht, schafft rund zwei Hektar. Eine Drohne schafft nach derselben Rechnung 15 bis 30 Hektar an einem Vormittag.

Die Wärmebilddrohne: was sie findet, und wann sie versagt

Im ersten Jahr von WiOPro fand die Wärmebilddrohne 92 Prozent der Kitze. Das Projekt liefert nebenbei eine Zahl, die jeder Landwirt kennen sollte: Im Schnitt lag auf zehn Hektar ein Kitz, auf Dauergrünland eines je sieben Hektar, auf Feldgras eines je 13. Eine Wiese ohne Kitz ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Die Untersuchung an der Universität für Bodenkultur Wien, die der Landesbetrieb Hessen zitiert, kommt auf einen Faktor von 1,32: So viel besser fand die Drohne Kitze als jede andere Suchmethode.

Die Drohne versagt an drei Stellen. Erstens an der Uhrzeit: Sobald die Sonne den Bestand aufheizt, sehen Maulwurfshügel und kahle Stellen im Wärmebild aus wie ein Tier. Zweitens am Ort: In der Nähe von Bundesfernstraßen und Bahnanlagen und in Naturschutzgebieten gelten Abstands- und Zustimmungsregeln, nicht jede Fläche ist ohne Weiteres beflogen. Drittens am Restrisiko: 92 Prozent heißt, dass etwa jedes zwölfte Kitz liegen bleibt.

Wie die Methoden zusammenpassen

Die wirksamste Einzelmaßnahme ist keine Technik, sondern der Termin: ein möglichst später erster Schnitt, laut Deutscher Wildtier Stiftung ab dem 15. Juni, besser ab dem 1. Juli. Wo das betrieblich nicht geht, greift die Reihenfolge, die sich in der Praxis bewährt hat.

Am Vorabend vergrämen, damit die Ricke ihr Kitz umsetzt. Am Morgen fliegen, damit die gefundenen Kitze vor der Mahd aus der Fläche kommen. Dann von innen nach außen mähen, damit alles, was noch drin ist, eine Fluchtrichtung hat; das Mähen von außen nach innen ist in Bayern und Nordrhein-Westfalen auf Flächen ab einem Hektar ohnehin verboten. Langsamer fahren, die Fläche in Abschnitten mähen und, wo möglich, Streifen stehen lassen.

Und ein Blick auf das Mähwerk: Rotationsmäher verursachen laut Stiftung etwa doppelt so viele Verluste wie Balkenmäher, mit Aufbereiter bis zu 70 Prozent. Eine Schnitthöhe von 10 bis 15 Zentimetern schont, was am Boden lebt.

Häufige Fragen

Reicht es, am Vorabend zu vergrämen?

Es hilft, aber es reicht nicht. Im Projekt WiOPro lag der Erfolg der Vergrämung je nach Methode zwischen 0 und höchstens 50 Prozent. Vergrämung ist der richtige erste Schritt am Abend, die Suche am Morgen bleibt nötig.

Was ist ein Wildretter?

Zwei Dinge: ein akustisches Gerät am Mähwerk, das Tiere während der Mahd aufschrecken soll, und der tragbare Infrarot-Wildretter, ein Teleskopstab mit Sensoren, mit dem ein Helfer die Fläche abschreitet. Nur der zweite findet Kitze, und er ist für kleine Flächen gedacht.

Wie viele Kitze findet die Wärmebilddrohne?

Im ersten Jahr des Forschungsprojekts WiOPro 92 Prozent. Die Restquote hängt an der Uhrzeit: Nach etwa 8 Uhr verwischt die Sonne den Wärmekontrast, dann sinkt die Trefferquote deutlich.

Wie viele Kitze liegen überhaupt in einer Wiese?

Im Schnitt eines auf zehn Hektar, auf Dauergrünland eines je sieben Hektar, auf Feldgras eines je 13 Hektar, so die Zahlen aus WiOPro. Eine Fläche ohne Kitz ist die Ausnahme.

Quellen und Rechtsstand

Stand dieses Beitrags: 5. September 2026. Rechtsangaben ändern sich; vor einer Entscheidung lohnt der Blick in die jeweils gültige Fassung.

Weiter: Rehkitzrettung im Ablauf · Warum die Uhrzeit entscheidet · Was das Tierschutzgesetz verlangt · Bis wann sich die Suche lohnt

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