Der Temperaturabstand ist alles
Eine Wärmebildkamera erkennt Temperaturunterschiede, nicht Formen. Sie liefert kein Bild eines Tieres, sondern eine Karte der Oberflächentemperaturen. Ob darin etwas erkennbar ist, hängt an einer einzigen Größe: dem Abstand zwischen dem Objekt und seiner Umgebung.
Bei der Kitzrettung ist dieser Abstand am Morgen groß. Ein Kitz hat rund 38 Grad, die Wiese im Morgengrauen etwa 10 bis 15 Grad. Über zwanzig Grad Unterschied machen das Kitz auf dem Bild unübersehbar. Ab etwa 9 Uhr hat die Sonne die Wiese ungleichmäßig aufgeheizt, warme Grasnester sind von Kitzen kaum noch zu unterscheiden, und die Trefferquote fällt.
Derselbe Mechanismus erklärt, warum bewölkte Tage besser sind als sonnige. Bewölkung verhindert die punktuelle Aufheizung und hält den Untergrund gleichmäßig kühl. Der Idealfall ist ein bedeckter, windstiller Morgen nach einer kühlen Nacht.
Vier Einsätze, vier Fenster
Kitzrettung: Sonnenaufgang bis etwa 8 Uhr, am Morgen der Mahd. Das schmalste Fenster von allen, und dasjenige mit dem größten Andrang, weil in der Hochsaison alle gleichzeitig mähen wollen.
Wildschwein-Suche: Dämmerung, morgens oder abends. Hier zählt zusätzlich die Aktivität der Tiere, nicht nur die Temperatur. Ein abgekühlter Bestand und ziehende Sauen fallen zeitlich zusammen, was das Fenster praktisch nutzbar macht.
ASP-Kadaversuche: weitgehend tageszeitunabhängig. Ein Kadaver verhält sich thermisch anders als ein lebendes Tier, und die Suche funktioniert deshalb auch tagsüber. Das ist der Grund, warum ASP-Einsätze kurzfristig planbar sind und Kitzrettung nicht.
Inspektionsflüge an Dach, Kamin und Photovoltaik: hier ist Wärme das Messziel selbst. Ein Wärmeverlust am Dach zeigt sich am besten, wenn innen geheizt und außen kalt ist, also im Winterhalbjahr und nicht bei Sonneneinstrahlung auf die Fläche.
Was das für die Planung heißt
Die praktische Folge ist unbequem, aber sie spart Ärger: Der Einsatztermin richtet sich nach dem Fenster, nicht nach dem Kalender. Bei der Mahd heißt das, dass der Mähtermin den Suchtermin bestimmt und beide am selben Morgen liegen.
Und sie erklärt, warum ein Einsatz abgebrochen wird, statt ihn schlecht durchzuführen. Regen, Nebel oder eine bereits aufgeheizte Fläche liefern ein Bild, auf dem man gewissenhaft nichts erkennt. Ein Flug unter solchen Bedingungen kostet Geld und erzeugt eine Dokumentation, die im Zweifelsfall nichts belegt. Bricht ein Einsatz wetterbedingt ab, entstehen bei uns keine Kosten und wir setzen einen Ersatztermin.
Häufige Fragen
Warum kann nicht mittags geflogen werden?
Weil die Sonne den Untergrund ungleichmäßig aufheizt. Ein warmes Grasnest oder ein besonnter Erdhaufen erzeugt dann dieselbe Signatur wie ein Tier. Die Kamera arbeitet einwandfrei, nur ist das Bild nicht mehr eindeutig auswertbar.
Ist bewölktes Wetter ein Problem?
Im Gegenteil, es ist meistens besser. Bewölkung verhindert die punktuelle Aufheizung und hält den Untergrund gleichmäßig kühl. Problematisch sind Regen und Nebel: Nässe gleicht die Temperaturen an und Nebel dämpft die Strahlung.
Was kostet ein abgebrochener Einsatz?
Nichts. Bricht ein Einsatz wetterbedingt ab, entstehen keine Kosten, und wir setzen einen Ersatztermin.
Quellen und Rechtsstand
Stand dieses Beitrags: 2. September 2026. Rechtsangaben ändern sich; vor einer Entscheidung lohnt der Blick in die jeweils gültige Fassung.
- Deutsche Wildtier Stiftung, Kitzrettung mit Drohnen
- Eigene Einsatzdokumentation WILDFLUG, Landkreis Göppingen, 2019 bis 2026
Weiter: Rehkitz-Rettung · Wildschweine im Mais · Wartungsflüge an Dach und PV

