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Rehkitz gefunden: warum Liegenlassen fast immer richtig ist, und wann nicht

Ein Rehkitz, das allein in der Wiese liegt, ist nicht verlassen. Es liegt genau dort, wo seine Mutter es abgelegt hat, und sie ist in der Nähe. Die richtige Reaktion ist deshalb in den allermeisten Fällen: ansehen, weitergehen, nichts anfassen. Wer ein gesundes Kitz mitnimmt, hilft ihm nicht, sondern nimmt ihm die Mutter, und begeht dabei je nach Fall eine Straftat.

Ein Rehkitz drückt sich reglos in hohes, taunasses Wiesengras, aufgenommen aus der Entfernung im Morgenlicht (KI-erzeugtes Symbolbild)

Recht und Pflichten · · 5 Minuten Lesezeit · von

Warum das Kitz allein liegt

Rehe sind Ablieger. Die Ricke setzt ihr Kitz an einer Stelle ab und entfernt sich, weil ihr eigener Geruch Fressfeinde anziehen würde. Sie kommt mehrmals am Tag zum Säugen zurück und verschwindet danach wieder. Stundenlanges Alleinsein ist der Normalzustand, nicht der Notfall.

Das Kitz selbst hat in den ersten Lebenswochen keinen Fluchtinstinkt und ist nahezu geruchlos. Es drückt sich reglos in den Bestand, auch wenn ein Mensch direkt davorsteht. Genau dieses Verhalten wirkt auf uns wie Schwäche oder Verlassenheit, und genau deshalb werden jedes Jahr gesunde Kitze eingesammelt.

Wer stehen bleibt und wartet, verhindert dabei sogar die Rückkehr der Ricke: Sie kommt nicht, solange ein Mensch oder ein Hund in der Nähe ist. Der schnellste Weg, dem Kitz zu helfen, ist wegzugehen.

Anfassen oder nicht: eine Streitfrage, die Ihr Handeln nicht ändert

Der Deutsche Jagdverband schreibt seit Jahren, dass eine Ricke ihr Junges verstößt, wenn menschlicher Geruch daran haftet. Der BUND-Regionalverband Südlicher Oberrhein sagt dasselbe. Teile der wildbiologischen Literatur widersprechen dem und halten die Mutterbindung für deutlich stabiler als die Geruchsfrage.

Diese Frage lässt sich hier nicht entscheiden, und sie muss es auch nicht. Denn beide Lager kommen zur selben Handlungsregel: kein direkter Hautkontakt, so wenig Berührung wie möglich, und nur dann, wenn es einen echten Grund gibt. Wer sich an diese Regel hält, liegt richtig, egal welche Seite recht behält.

So arbeiten auch wir bei der Kitzrettung. Gefundene Kitze werden mit Kisten abgedeckt und markiert oder mit Handschuhen und einem Büschel Gras geschützt am Waldrand abgelegt, ohne direkten Hautkontakt. Das ist kein Aberglaube, sondern die vorsichtigere von zwei Möglichkeiten, und sie kostet nichts.

Woran Sie eine echte Notlage erkennen

Es gibt Fälle, in denen ein Kitz tatsächlich Hilfe braucht. Die Anzeichen sind deutlich und haben nichts damit zu tun, dass es allein liegt.

Das Kitz läuft suchend umher und ruft. Es hat sichtbare Verletzungen, etwa nach Mahd, Hundeangriff oder Verkehrsunfall. Es ist mit Fliegeneiern oder Maden besetzt, was auf Schwäche seit Stunden hindeutet. Es liegt ausgekühlt und reagiert nicht. Oder die tote Ricke liegt in unmittelbarer Nähe.

Ein Kitz, das ruhig liegt, sich drückt und unverletzt aussieht, gehört in keine dieser Gruppen. Auch ein Kitz mitten auf einer frisch gemähten Fläche ist nicht automatisch verwaist: Die Ricke findet es dort wieder, sobald die Maschinen weg sind und niemand mehr danebensteht.

Wen Sie anrufen, und in welcher Reihenfolge

Zuständig ist der Jagdausübungsberechtigte der Fläche, also Pächter oder Eigenjagdbesitzer. Wer das ist, weiß die Gemeindeverwaltung, bei Wildunfällen und außerhalb der Bürozeiten die Polizei. Auf Wiesen ist auch der Landwirt eine gute erste Nummer, weil er weiß, wer das Revier hat.

Der Landesjagdverband Baden-Württemberg betreibt zusätzlich eine Rehkitzhotline und nennt als obersten Grundsatz: „Die Rückführung zum Muttertier muss stets das oberste Ziel sein.“ Der Verband rät ausdrücklich, vor jeder eigenen Maßnahme eine sachkundige Stelle zu informieren, und warnt davor, ein gefundenes Kitz ohne fachliche Rücksprache zu füttern.

Was nicht hilft: das Tierheim, das für Wildtiere weder zuständig noch eingerichtet ist. Und was schadet: Kuhmilch. Sie ist für ein Rehkitz nicht verdaulich, und die Aufzucht durch Laien führt regelmäßig zu Fehlprägung und zu Tieren, die später nicht auswilderbar sind.

Warum Mitnehmen strafbar sein kann

Das Reh unterliegt dem Jagdrecht, und dieses Recht ist nach § 1 Absatz 1 Bundesjagdgesetz „die ausschließliche Befugnis, auf einem bestimmten Gebiet wildlebende Tiere, die dem Jagdrecht unterliegen, (Wild) zu hegen, auf sie die Jagd auszuüben und sie sich anzueignen“. Nach Absatz 5 umfasst dieses Aneignungsrecht auch krankes oder verendetes Wild und Fallwild.

Wer ein Kitz einsteckt, eignet sich also etwas an, das rechtlich einem anderen zusteht. § 292 Strafgesetzbuch stellt genau das unter Strafe: Wer unter Verletzung fremden Jagdrechts oder Jagdausübungsrechts dem Wild nachstellt, es fängt, erlegt oder sich oder einem Dritten zueignet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Das gilt für das tote Kitz am Straßenrand genauso wie für das lebende in der Wiese.

Daneben steht § 39 Absatz 1 Nummer 1 Bundesnaturschutzgesetz, der es verbietet, wild lebende Tiere „mutwillig zu beunruhigen oder ohne vernünftigen Grund zu fangen, zu verletzen oder zu töten“. Absatz 2 stellt die Regelung ausdrücklich unter den Vorbehalt jagdrechtlicher Bestimmungen; beim Reh führt also ohnehin das Jagdrecht.

Praktisch heißt das nicht, dass jemand wegen guter Absicht vor Gericht steht. Es heißt aber: Der Anruf beim Revierinhaber ist nicht Höflichkeit, sondern der rechtlich saubere Weg. Und er dauert zwei Minuten.

Und wenn das Kitz vor der Mahd in der Wiese liegt?

Das ist der andere Fall, und dort wird das Kitz sehr wohl bewegt, aber geplant und durch Berechtigte. Bei unseren Einsätzen fliegt die Drohne die Fläche im Morgengrauen ab, meldet jede Wärmequelle an die Bodenteams, und die Kitze werden abgedeckt und markiert oder geschützt am Waldrand abgelegt. Nach der Mahd werden sie wieder freigegeben, und die Ricke holt sie.

Der Unterschied zum Spaziergängerfund ist nicht die Handbewegung, sondern der Rahmen: Der Jagdausübungsberechtigte weiß Bescheid, der Landwirt mäht unmittelbar danach, und das Kitz kommt binnen einer Stunde zurück in die Fläche. Wie das im Ablauf aussieht, steht auf der Seite zur Rehkitzrettung.

Wenn Sie als Landwirt eine Fläche vor der Mahd absuchen lassen wollen, ist der Weg umgekehrt: erst anmelden, dann mähen. Beides an denselben Morgen zu legen, ist eng, aber machbar.

Häufige Fragen

Ist ein Rehkitz verlassen, wenn es allein in der Wiese liegt?

Nein. Rehe legen ihre Kitze ab und kehren nur zum Säugen zurück. Stundenlanges Alleinsein ist normal. Wer daneben stehen bleibt, verhindert die Rückkehr der Ricke.

Darf ich ein Rehkitz anfassen?

Besser nicht. Ob eine Ricke ihr Kitz wegen menschlichen Geruchs verstößt, ist umstritten: Der Deutsche Jagdverband bejaht es, Teile der Wildbiologie widersprechen. Beide Seiten kommen zur selben Regel, nämlich kein direkter Hautkontakt und Berührung nur bei echtem Grund.

Was mache ich mit einem verletzten oder toten Kitz?

Liegen lassen und den Jagdausübungsberechtigten verständigen, über die Gemeinde oder die Polizei. Auch krankes und verendetes Wild fällt nach § 1 Absatz 5 Bundesjagdgesetz unter das Aneignungsrecht des Revierinhabers.

Ist es strafbar, ein Rehkitz mitzunehmen?

Es kann Jagdwilderei nach § 292 Strafgesetzbuch sein, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe. Wer sich Wild unter Verletzung fremden Jagdrechts zueignet, erfüllt den Tatbestand, unabhängig von der guten Absicht.

Quellen und Rechtsstand

Stand dieses Beitrags: 6. September 2026. Rechtsangaben ändern sich; vor einer Entscheidung lohnt der Blick in die jeweils gültige Fassung.

Weiter: Rehkitzrettung im Ablauf · Was das Tierschutzgesetz verlangt · Vergrämen, Wildretter oder Drohne · Bis wann sich die Suche lohnt

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